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Kapitel 04

4.4 Multicast – Flag, Scope und Beispiel

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Fachlich geprüftStand: 3. August 2026

Multicast überträgt ein Paket gezielt an eine Gruppe interessierter Empfänger. Dadurch muss ein Sender denselben Datenstrom nicht für jedes Ziel einzeln erzeugen. Bei IPv6 kennzeichnet ff00::/8 den Multicast-Adressraum; Flag- und Scope-Felder beschreiben die Art der Gruppe und ihren räumlichen Gültigkeitsbereich. Diese Lernseite erläutert den Adressaufbau, die wichtigsten Scope-Werte und die Herleitung von ff02::1.

Ein Datenstrom für eine Empfängergruppe

Bei Unicast besitzt jeder Datenstrom genau ein Ziel. Soll derselbe Inhalt viele Empfänger erreichen, muss der Sender mehrere Unicast-Datenströme erzeugen. Multicast verwendet stattdessen eine Gruppenadresse. Das Netz kann den Datenstrom nur dort vervielfältigen, wo sich die Wege zu den Empfängern trennen.

Multicast bedeutet nicht automatisch, dass jedes Gerät im Netz die Nutzdaten verarbeitet. Empfänger treten einer Gruppe protokollabhängig bei oder gehören zu einer vordefinierten Gruppe. Switches und Router können Gruppenmitgliedschaften berücksichtigen. Ohne passende Steuerung kann Multicast innerhalb eines Layer-2-Bereichs dennoch ähnlich wie Broadcast an mehrere Ports verteilt werden.

Vergleich von Unicast mit einzelnen Übertragungen und Multicast mit einer gezielten Übertragung an eine Empfängergruppe
Unicast adressiert jeweils ein Ziel. Multicast adressiert eine Gruppe; nur beigetretene beziehungsweise durch das Protokoll angesprochene Teilnehmer sollen die Daten verarbeiten.Originalgröße öffnen ↗
ÜbertragungsartAdressiertes ZielTypisches Verhalten
Unicastgenau ein Interfaceseparate Übertragung pro Kommunikationspartner
Multicasteine Gruppe von Interfacesein Datenstrom kann entlang des Verteilwegs vervielfältigt werden
Broadcastalle Teilnehmer eines IPv4-BroadcastbereichsIPv6 besitzt keine Broadcastadresse
Anycastmehrere Interfaces mit derselben UnicastadresseRouting führt zum nach Metrik geeigneten Ziel; keine Gruppenverteilung

IPv6-Multicast beginnt mit ff

Alle IPv6-Multicastadressen liegen in ff00::/8. Die ersten acht Bit sind daher immer 1111 1111 beziehungsweise hexadezimal ff. Danach folgen das vier Bit große Flagfeld ff1 und der vier Bit große Scope. RFC 7371 verwendet die nächsten vier Bit als zusätzliches Flagfeld ff2; für die allgemeine Darstellung verbleiben anschließend 108 Bit Group ID.

Die bekannte Kurzform ff02::1 lässt sich deshalb nicht allein als gewöhnliches Netzpräfix lesen. ff markiert Multicast, 0 ist das Flag-Nibble, 2 ist der Link-Local-Scope und die abschließende 1 ist die Group ID der vordefinierten Gruppe „All Nodes“.

Aktuelle Bitaufteilung einer IPv6-Multicastadresse in acht Bit FF, vier Bit Flagfeld 1, vier Bit Scope, vier Bit Flagfeld 2 und 108 Bit Group ID
Das erste Byte ff identifiziert IPv6-Multicast. RFC 7371 bezeichnet die beiden vier Bit großen Flagfelder als ff1 und ff2; dazwischen liegt der vier Bit große Scope.Originalgröße öffnen ↗
FeldLängeAufgabe bei ff02::1
ff8 Bitkennzeichnet den IPv6-Multicast-Adressraum
Flagfeld ff1 = 04 Bitvordefinierte, dauerhaft zugewiesene Gruppenkennung ohne gesetzte Zusatzflags
Scope = 24 BitLink-Local: Gültigkeit ist auf den lokalen Link begrenzt
Flagfeld ff2 = 04 Bitderzeit keine dort definierten Zusatzflags gesetzt
Group ID = 1108 Bitvordefinierte Gruppe „All Nodes“

Flag-Feld nicht nur als permanent oder temporär lesen

In der ursprünglichen IPv6-Adressarchitektur wurde vor allem das niederwertige T-Bit betrachtet: T = 0 kennzeichnet eine von der IANA dauerhaft zugewiesene Group ID, T = 1 eine nicht dauerhaft zugewiesene beziehungsweise dynamische Gruppe. Der Begriff „permanent“ bedeutet dabei nicht, dass zu jedem Zeitpunkt Empfänger aktiv sein müssen.

Aktuelle Spezifikationen verwenden die vier Bit des ersten Flagfelds ff1 differenzierter. Neben T können P für unicast-präfixbasierte Multicastadressen und R für eingebettete Rendezvous-Point-Informationen gesetzt sein; X ist für weitere Definitionen vorgesehen. RFC 7371 bezeichnet außerdem die folgenden vier Bit nach dem Scope als ff2. Dessen noch nicht zugewiesene Bits werden beim Senden auf 0 gesetzt und beim Empfangen ignoriert. Für ff02::1 sind ff1 und ff2 jeweils 0.

BitKurzbezeichnungGrundlegende Bedeutung
Xzusätzliches Flagfür weitere Definitionen vorgesehen; Bedeutung nur durch eine zugehörige Spezifikation
RRendezvous Pointkennzeichnet eine nach RFC 3956 gebildete Adresse mit eingebetteter RP-Information
PPrefix basedkennzeichnet eine nach RFC 3306 aus einem Unicastpräfix gebildete Multicastadresse
TTransient0: dauerhaft zugewiesene Group ID; 1: nicht dauerhaft zugewiesene Gruppe
ff2zweites Flagfeldvier weitere Flag-Bits; derzeit nicht zugewiesene Bits werden mit 0 gesendet

Der Scope begrenzt die Reichweite

Das Scope-Nibble legt fest, in welchem Bereich die Multicastadresse gültig ist. Der Scope beschreibt nicht die Anzahl der Empfänger, sondern die maximale räumliche Reichweite. Ein Router darf ein Multicastpaket nicht über die passende Scope-Grenze hinaus weiterleiten.

Nicht jeder mögliche Nibble-Wert besitzt eine allgemeine Bedeutung. Die Werte 0 und f sind reserviert, 6 bis 7 sowie 9 bis d sind derzeit nicht allgemein zugewiesen. Realm Local wird nur verwendet, wenn eine Netztechnik den dazugehörigen Bereich eindeutig definiert.

Verschachtelte Bereiche für Interface Local, Link Local, Realm Local, Admin Local, Site Local, Organization Local und Global
Der Scope ist Bestandteil der Zieladresse. Router dürfen ein Multicastpaket nicht über die durch den Scope festgelegte Grenze hinaus weiterleiten.Originalgröße öffnen ↗
HexwertScopeEinordnung
1Interface Localnur innerhalb eines einzelnen Interfaces beziehungsweise Knotens
2Link Localnur auf demselben lokalen Link; nicht über Router weiterleiten
3Realm Localfür eine durch die jeweilige Netztechnik definierte lokale Domäne
4Admin Localkleinster administrativ festlegbarer Bereich
5Site Localauf einen Standort begrenzter Bereich
8Organization Localauf mehrere Standorte einer Organisation begrenzbar
eGlobalglobale Reichweite, sofern Routing und Anwendung dies unterstützen

ff02::1 Schritt für Schritt herleiten

Jedes IPv6-fähige Interface gehört auf seinem lokalen Link zur Gruppe ff02::1. Ein an diese Zieladresse gesendetes Paket kann daher alle IPv6-Knoten dieses Links erreichen. Es handelt sich trotzdem nicht um Broadcast: Die Zustellung verwendet die Multicastmechanismen und einen ausdrücklich festgelegten Scope.

Herleitung der IPv6-Multicastadresse ff02::1 aus Kennung FF, Flags 0, Scope 2 und Group ID 1
ff02::1 adressiert alle IPv6-Knoten auf dem lokalen Link. Die Adresse darf nicht als Quelladresse verwendet und nicht über den Link hinaus weitergeleitet werden.Originalgröße öffnen ↗
SchrittWertErklärung
1. Adresstyp1111 1111 = ffIPv6-Multicast
2. Flags0000 = 0keine Zusatzflags; dauerhaft zugewiesene Group ID
3. Scope0010 = 2Link-Local-Scope
4. Group ID…0001 = 1All-Nodes-Gruppe
5. Vollständigff02:0000:0000:0000:0000:0000:0000:0001acht Hextets
6. Gekürztff02::1zusammenhängende Null-Hextets einmal durch :: ersetzt

Wichtige Gruppenadressen korrekt zuordnen

Die Bedeutung einer dauerhaft zugewiesenen Group ID kann in mehreren zulässigen Scopes vorkommen. Die Kombination aus Flag, Scope und Group ID ist deshalb vollständig zu betrachten. Aktuelle Zuweisungen müssen bei Bedarf im IANA-Register geprüft werden.

Multicastadressen dürfen bei IPv6 nicht als Quelladresse verwendet werden. Ein Host sendet mit einer passenden Unicastadresse als Quelle an die Multicast-Zieladresse.

IPv6-MulticastadresseGruppe / ProtokollScope und Verwendung
ff01::1All Nodesalle IPv6-Knoten innerhalb des lokalen Interfaces
ff02::1All Nodesalle IPv6-Knoten auf dem lokalen Link
ff01::2All Routersalle IPv6-Router innerhalb des lokalen Interfaces
ff02::2All Routersalle IPv6-Router auf dem lokalen Link
ff02::1:2All DHCP AgentsDHCPv6-Server und Relay Agents auf dem lokalen Link
ff05::1:3All DHCP ServersDHCPv6-Server innerhalb des Site-Local-Scope
ff02::fbmDNSMulticast DNS auf dem lokalen Link
ff02::1:ff00:0/104Solicited-Node Multicastfür Neighbor Discovery aus den unteren 24 Bit einer Unicast- oder Anycastadresse gebildet

Gruppenmitgliedschaft und lokale Ethernet-Zustellung

IPv6-Hosts teilen ihre Multicast-Gruppenmitgliedschaften mit Multicast Listener Discovery mit. MLD ist Teil von ICMPv6. Router verwenden diese Informationen, um festzustellen, ob auf einem Link Empfänger für eine Gruppe vorhanden sind. Auf Switches kann MLD Snooping die unnötige Verteilung auf Ports reduzieren.

Bei Ethernet werden IPv6-Multicastziele auf MAC-Adressen im Bereich 33-33-xx-xx-xx-xx abgebildet. Dafür werden die unteren 32 Bit der IPv6-Multicastadresse übernommen. Diese Abbildung ist nicht eindeutig: Mehrere IPv6-Gruppen können dieselbe Ethernet-Multicastadresse ergeben, weshalb die Netzwerkschicht das Ziel zusätzlich prüfen muss.

  • Multicast-Routing zwischen Netzen benötigt ausdrücklich dafür konfigurierte Verfahren; gewöhnliches Unicast-Routing genügt nicht.
  • MLD und notwendige ICMPv6-Nachrichten dürfen nicht pauschal gefiltert werden, wenn IPv6-Multicast funktionieren soll.
  • Auf WLAN und anderen geteilten Medien kann Multicast geringere Datenraten und besondere Zuverlässigkeitseigenschaften besitzen; die konkrete Infrastruktur ist zu berücksichtigen.

IPv4 und IPv6 im Vergleich

EigenschaftIPv4IPv6
Multicast-Adressraum224.0.0.0/4ff00::/8
GruppenverwaltungIGMPMLD als Teil von ICMPv6
Lokale Ethernet-Abbildung01-00-5e plus ausgewählte untere 23 Bit33-33 plus untere 32 Bit
Broadcastvorhandennicht vorhanden; Funktionen nutzen je nach Protokoll Multicast oder Unicast
Scope-Kennzeichnungdurch besondere Adressbereiche und Routingregelnvier Bit Scope direkt in der Multicastadresse

Quellen zur fachlichen Prüfung

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