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Kapitel 04

4.6 Routing

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Fachlich geprüftStand: 3. August 2026

Routing verbindet unterschiedliche IP-Netze. Endsysteme und Router vergleichen die Zieladresse eines Pakets mit ihrer Routingtabelle, wählen den passendsten Präfixeintrag und bestimmen daraus Ausgangsschnittstelle und nächsten Hop. Diese Lernseite erklärt den Weiterleitungsprozess, statische und dynamische Routen, Metriken sowie die wichtigsten Routingprotokolle.

Routing und Forwarding unterscheiden

Routing bezeichnet das Ermitteln, Austauschen und Auswählen von Wegen zu IP-Netzen. Forwarding ist die eigentliche Weiterleitung eines einzelnen Pakets anhand der daraus entstandenen Weiterleitungstabelle. Ein Router arbeitet dabei an jeder seiner Schnittstellen in einem eigenen Layer-2-Netz und verbindet diese Netze auf Layer 3.

Auch ein PC besitzt eine Routingtabelle. Liegt das Ziel im direkt angeschlossenen Netz, sendet er das Paket unmittelbar an das Ziel. Liegt es außerhalb, übergibt er es an einen passenden Router - häufig an das Standardgateway. Die lokale MAC-Adresse des nächsten Hops wird anschließend über ARP beziehungsweise IPv6 Neighbor Discovery ermittelt.

Router trennen IP-Subnetze und damit auch Broadcast-Domänen. Kollisionsdomänen werden in heutigen Ethernet-Netzen dagegen vor allem durch Switch-Ports getrennt; ihre Verkleinerung ist nicht der eigentliche Zweck des Routings.

BegriffBedeutung
RouteWegbeschreibung zu einem Zielpräfix
Next Hopnächster Router auf dem Weg zum Ziel
Ausgangsschnittstellelokales Interface, über das das Paket gesendet wird
Routingtabellevom Betriebssystem oder Routingprozess verwaltete Menge bekannter Routen
Forwarding-Tabellefür die schnelle Paketweiterleitung aufbereitete Auswahl nutzbarer Routen

So wird ein IP-Paket weitergeleitet

Nach dem Empfang prüft ein Gerät zuerst, ob die Zieladresse zu ihm selbst gehört. Ein Router sucht für andere Ziele in seiner Routingtabelle. Das konkrete Ziel muss dabei nicht als einzelne Hostroute vorhanden sein: Meist genügt ein passender Netzpräfix, beispielsweise 10.20.0.0/16.

Vor der Weiterleitung vermindert ein IPv4-Router die TTL beziehungsweise ein IPv6-Router das Hop Limit. Er ersetzt die lokale Layer-2-Kapselung für den nächsten Link. Ist keine passende Route vorhanden, wird das Paket verworfen; sofern zulässig, informiert ICMP beziehungsweise ICMPv6 den Absender über die Nichterreichbarkeit.

Entscheidungsweg für die lokale Verarbeitung oder Weiterleitung eines IP-Pakets
Die Zieladresse entscheidet zuerst zwischen lokaler Verarbeitung und Weiterleitung. Fehlt jede passende Route einschließlich Default-Route, kann das Paket nicht zugestellt werden.Originalgröße öffnen ↗
PrüfschrittErgebnis
Zieladresse ist lokalPaket an die lokale Protokollverarbeitung übergeben
Passende spezifische Route vorhandenüber deren Ausgangsschnittstelle und gegebenenfalls Next Hop senden
Nur Default-Route passtan das dort eingetragene Gateway beziehungsweise Interface senden
Keine Route passtPaket verwerfen; gegebenenfalls Destination Unreachable melden

Die längste Präfixübereinstimmung gewinnt

Eine Zieladresse kann zu mehreren Einträgen passen. Dann gilt Longest Prefix Match: Der Eintrag mit der größten Präfixlänge ist am spezifischsten und wird bevorzugt. Diese Regel wird vor einem Vergleich von Metriken angewendet.

Die Default-Route 0.0.0.0/0 beziehungsweise ::/0 besitzt die Präfixlänge 0 und passt zu jeder Zieladresse. Sie wird deshalb nur verwendet, wenn kein spezifischerer Eintrag passt. Eine Hostroute /32 bei IPv4 oder /128 bei IPv6 ist dagegen maximal spezifisch.

Drei passende Routen für dieselbe Zieladresse, von denen der längste Präfix ausgewählt wird
Für 10.20.30.40 passen drei Einträge. 10.20.30.0/24 beschreibt die kleinste und damit spezifischste Zielmenge und wird ausgewählt.Originalgröße öffnen ↗
EintragPasst zu 10.20.30.40?Einordnung
0.0.0.0/0jaDefault-Route, am wenigsten spezifisch
10.20.0.0/16jaspezifischer als /0
10.20.30.0/24jalängster passender Präfix - wird gewählt
10.20.30.40/32nur falls vorhandenHostroute, maximal spezifisch

Bestandteile einer Route

Die Darstellung unterscheidet sich zwischen Betriebssystemen und Netzwerkgeräten. Inhaltlich benötigt eine Route mindestens ein Zielpräfix und eine Information zur Weiterleitung. Bei einem direkt angeschlossenen Netz genügt oft die Ausgangsschnittstelle; bei einem entfernten Netz wird gewöhnlich zusätzlich ein Next Hop angegeben.

Eine Metrik bewertet Routen innerhalb eines bestimmten Verfahrens. Ihre Bedeutung ist nicht universell: RIP zählt Hops, OSPF addiert Linkkosten, und Betriebssysteme können eigene Schnittstellen- oder Routenmetriken verwenden. Werte verschiedener Routingprotokolle dürfen daher nicht ohne die jeweilige Auswahlregel des Geräts direkt verglichen werden.

FeldBeispielBedeutung
Zielpräfix192.168.178.0/24Adressbereich, für den die Route gilt
Next Hop / Gateway192.168.1.1nächster Router; bei On-Link-Routen nicht erforderlich
InterfaceEthernet 1 / eth0Ausgangsschnittstelle
Metrik / Kosten25protokoll- oder systemspezifische Bewertung
Quelleconnected, static, OSPF, RIPwie die Route gelernt wurde
Statusactive / inactiveob die Route aktuell zur Weiterleitung verwendet werden kann

Beispiel einer Routenauswahl

Der PC 192.168.10.25/24 erreicht 192.168.10.0/24 direkt. Für 10.20.30.40 passt keine spezifische lokale Route, deshalb sendet der PC das Paket an sein Standardgateway 192.168.10.1. Der Router sucht erneut - unabhängig von der Entscheidung des PCs - und verwendet seine Route 10.20.30.0/24 über den Next Hop 172.16.0.2.

Auf jedem Link werden neue lokale MAC-Adressen verwendet. Die IP-Quell- und Zieladresse bleiben bei gewöhnlicher Weiterleitung erhalten; NAT auf der nächsten Lernseite ist ein zusätzlicher Vorgang und nicht Bestandteil des Routings selbst.

PC, Router und drei Zielnetze mit einer konkreten Routentabelle
Der PC kennt sein lokales Netz und eine Default-Route. Der Router besitzt spezifische Routen zu den angeschlossenen und entfernten Netzen.Originalgröße öffnen ↗
ZielpräfixNext HopAusgangHerkunft
192.168.10.0/24direktLANverbunden
172.16.0.0/30direktWANverbunden
10.20.30.0/24172.16.0.2WANstatisch oder dynamisch gelernt
0.0.0.0/0203.0.113.1UplinkDefault-Route

Statisches und dynamisches Routing

Statische Routen werden administrativ eingetragen und ändern sich nicht selbstständig, wenn sich die Topologie ändert. Sie sind übersichtlich, erzeugen keinen Austausch von Routinginformationen und eignen sich beispielsweise für kleine, stabile Netze, Stub-Netze oder eine definierte Default-Route. Ausweichwege müssen jedoch bewusst geplant und gepflegt werden.

Dynamische Routingprotokolle tauschen Erreichbarkeitsinformationen zwischen Routern aus. Sie können neue oder ausgefallene Wege erkennen und die Routingtabellen neu berechnen. Dies erhöht Skalierbarkeit und Ausfallsicherheit, benötigt aber Konfiguration, Ressourcen und Schutz vor falschen Routinginformationen.

EigenschaftStatischDynamisch
Einrichtungmanuell oder automatisiert vorgegebenNachbarschaften und Protokollparameter konfigurieren
Topologieänderungkeine automatische NeuberechnungProtokoll konvergiert auf neue Wege
Betriebsaufwandbei vielen Netzen schnell hochhöherer Einstieg, danach automatischer Austausch
Typischer Einsatzkleine/stabile Bereiche, Default- und Spezialroutengrößere oder redundante Netze
Fehlerrisikoveraltete oder falsch eingetragene RouteFehlkonfiguration, falsche Ankündigung oder vorübergehende Schleife

Distance Vector und Link State

Bei klassischen Distance-Vector-Verfahren kennt ein Router vor allem die von Nachbarn gemeldete Entfernung und Richtung zu Zielen. RIP verwendet dafür den Bellman-Ford-Ansatz und die Hop-Anzahl. Schutzmechanismen wie Split Horizon und Route Poisoning begrenzen typische Schleifenprobleme, beseitigen aber nicht jede Konvergenzverzögerung.

Link-State-Protokolle verteilen Link-State-Informationen innerhalb ihres Bereichs. Jeder Router bildet daraus eine Link-State-Datenbank und berechnet mit einem Shortest-Path-First-Verfahren die besten Wege. OSPF und IS-IS gehören in diese Familie. Auch hier können Fehlkonfigurationen oder ein noch nicht konvergierter Zustand vorübergehend zu Problemen führen; „schleifenfrei“ ist daher keine pauschale Garantie.

EIGRP wird häufig als Advanced Distance Vector bezeichnet. Es ist deshalb fachlich sauberer, EIGRP nicht einfach mit klassischem RIP gleichzusetzen. Für Netzwerkgrundlagen genügt die Einordnung, dass unterschiedliche Protokolle verschiedene Algorithmen und Metriken verwenden.

Vergleich des Informationsaustauschs bei Distance Vector und Link State
Distance Vector lernt Entfernungen und Richtungen von Nachbarn. Link State verteilt Zustandsinformationen und berechnet daraus eine Topologiesicht.Originalgröße öffnen ↗
EigenschaftDistance VectorLink State
GrundideeEntfernung und Richtung aus NachbarinformationenTopologie aus verteilten Link-Zuständen
BeispieleRIP; EIGRP als weiterentwickelte VarianteOSPF, IS-IS
Algorithmischer BezugBellman-Ford bei RIPShortest Path First / Dijkstra
AustauschRIP sendet periodische und ausgelöste UpdatesLink-State-Informationen werden bei Änderungen geflutet und aktualisiert
Metrikbei RIP Hop-Anzahlbei OSPF aufsummierte Linkkosten
EinsatzRIP heute vor allem Lehr-, Alt- oder Spezialumgebungenhäufig in größeren Unternehmens- und Providernetzen

Weitere Strategien historisch und fachlich einordnen

Bei einem zentralisierten Ansatz sammelt eine zentrale Instanz Zustandsinformationen und berechnet daraus Wege. Die ältere Bezeichnung Routing Control Center ist im heutigen IP-Unterricht unüblich, die Grundidee lebt aber in Software-Defined Networking und zentralen Controllern weiter. Die tatsächlich weiterleitenden Geräte benötigen dennoch lokale Regeln und einen sinnvollen Umgang mit dem Ausfall der Steuerung.

Isoliertes Routing trifft Entscheidungen nur aus lokal verfügbaren Informationen, ohne eine vollständige Topologiesicht mit anderen Routern abzugleichen. Die in älteren Darstellungen genannten Verfahren sind keine gleichwertigen heutigen Routingprotokollfamilien, beschreiben aber besondere Entscheidungsprinzipien.

BegriffKompakte Einordnung
Zentralisiertes Routingeine zentrale Steuerung sammelt Informationen und berechnet oder verteilt Weiterleitungsregeln
Isoliertes Routingein Knoten entscheidet nur anhand eigener beziehungsweise unmittelbar beobachteter Informationen
Hot Potato RoutingVerkehr wird möglichst früh an ein anderes Netz beziehungsweise den nächstgelegenen geeigneten Ausgang übergeben
Broadcast Routingein Paket wird über mehrere oder alle geeigneten Ausgänge verteilt; nur für besondere Aufgaben sinnvoll und gegen Schleifen zu begrenzen
Backward Learningein Gerät lernt aus der Eingangsrichtung empfangener Pakete einen Rückweg zum Absender; als Prinzip eher aus älteren oder speziellen Verfahren bekannt

Konvergenz, Redundanz und Equal-Cost-Pfade

Konvergenz bezeichnet den Zustand, in dem die beteiligten Router nach einer Änderung wieder eine konsistente Sicht auf die erreichbaren Wege besitzen. Während der Übergangszeit können Pakete verworfen, über Umwege gesendet oder in einer Schleife weitergeleitet werden. Deshalb sind schnelle Fehlererkennung, korrektes Protokolldesign und ausreichende Redundanz wichtig.

Existieren mehrere gleichwertige Wege zum selben Präfix, können viele Router Equal-Cost Multi-Path nutzen. Die Last wird dabei typischerweise anhand eines Hashes über Merkmale eines Datenstroms verteilt, damit zusammengehörige Pakete möglichst denselben Pfad verwenden. ECMP bedeutet nicht, dass jedes einzelne Paket abwechselnd über einen anderen Weg gesendet werden muss.

Routingtabellen praktisch lesen

Windows, Linux und Netzwerkbetriebssysteme zeigen Routinginformationen unterschiedlich an. Entscheidend ist, Zielpräfix, Next Hop, Ausgangsschnittstelle, Metrik und Herkunft der Route zu erkennen. Änderungen sollten nur mit administrativen Rechten und einem klaren Rückweg vorgenommen werden - besonders auf entfernten Systemen.

SystemAnzeigeTypische Verwaltung
Windows PowerShellGet-NetRouteNew-NetRoute, Set-NetRoute, Remove-NetRoute
Windows klassischroute printroute add / route delete
Linux mit iproute2ip route; ip -6 routeip route add / replace / del
Router/Firewallherstellerspezifische Routing- oder Forwarding-TabelleCLI, Weboberfläche oder zentrale Verwaltung

Fehlersuche in sinnvoller Reihenfolge

SchrittPrüfung
1. Lokale AdressierungIP-Adresse, Präfixlänge und Interface-Status korrekt?
2. Ziel einordnenIst das Ziel lokal oder muss ein Router genutzt werden?
3. RoutenauswahlWelcher längste Präfix passt tatsächlich?
4. Next HopIst das Gateway über die angegebene Schnittstelle erreichbar?
5. RückwegBesitzt die Gegenseite eine Route zurück zum Quellnetz?
6. Paketpfadtracert beziehungsweise traceroute zeigt, bis zu welchem Hop die Weiterleitung funktioniert
7. Filter und NATBlockiert eine Firewall oder verändert NAT die Kommunikation?
8. Dynamisches RoutingNachbarschaft, gelernte Präfixe, Metriken und Konvergenzzustand prüfen

Quellen zur fachlichen Prüfung

Unterlage mitnehmen

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