2.1 Übersicht Physical Layer
Die Bitübertragungsschicht - Physical Layer oder OSI-Schicht 1 - schafft die technischen Voraussetzungen, damit zwei direkt verbundene Schnittstellen Signale austauschen können. Sie legt fest, wie Bits beziehungsweise Symbole auf Kupfer, Glasfaser oder Funk dargestellt, zeitlich übertragen und am Empfänger erkannt werden. Den Inhalt der Daten interpretiert sie nicht.
Aufgabe der Bitübertragungsschicht
Eine sendende PHY wandelt die von der Sicherungsschicht bereitgestellte Information in ein für das Medium geeignetes Signal um. Die empfangende PHY erkennt daraus Symbole oder Bits und übergibt sie nach oben. Welche Signaländerung ein bestimmtes Bitmuster repräsentiert, hängt von Leitungscode, Modulation und konkretem Standard ab.
Schicht 1 transportiert eine definierte Folge, bewertet aber weder deren fachliche Bedeutung noch Zieladressen oder Anwendungsinhalte. Sie garantiert außerdem nicht allein eine fehlerfreie Ende-zu-Ende-Übertragung. Fehlererkennung, Wiederholung und Reihenfolge werden abhängig vom Protokoll auf höheren Ebenen ergänzt.
- Aktivieren, Betreiben und Deaktivieren eines physischen Links nach den Regeln der jeweiligen Technik
- Darstellen und Erkennen von Bits oder Symbolen auf einem Übertragungsmedium
- Taktrückgewinnung, Synchronisation und Festlegung der Symbol- beziehungsweise Bitrate
- Festlegen von Steckern, Pinbelegung, optischen Parametern, Frequenzen und Signalpegeln
- Melden grundlegender Linkzustände und je nach Standard Aushandeln physischer Betriebsparameter
Mechanische, elektrische, funktionale und prozedurale Merkmale
Die klassische Einteilung in mechanische, elektrische, funktionale und prozedurale Merkmale bleibt als Denkmodell hilfreich. Bei Glasfaser und Funk reicht der Begriff elektrisch jedoch nicht aus; allgemeiner geht es um die physikalischen Signalparameter der jeweiligen Technik.
| Merkmal | Was wird festgelegt? | Beispiele |
|---|---|---|
| Mechanisch | Bauform und physische Kopplung von Schnittstelle und Medium. | Stecker, Buchse, Verriegelung, Faser- und Kabelausführung |
| Elektrisch / optisch / Funk | Messbare Eigenschaften, mit denen Signale erzeugt und erkannt werden. | Spannung, Strom, optische Leistung, Wellenlänge, Frequenzband, Polarisation |
| Funktional | Bedeutung einzelner Kontakte, Leitungen, Lanes oder Funkressourcen. | Sende- und Empfangspaare, Takt-, Steuer- oder Versorgungsfunktion |
| Prozedural | Reihenfolge und zeitlicher Ablauf physischer Vorgänge. | Link Training, Autonegotiation, Synchronisation, Aktivierung und Abschaltung |
Medien und Signalarten
Ein Übertragungsstandard definiert nicht nur das Material. Auch zulässige Länge, Frequenzbereich, Steckverbinder, Sendeleistung, Empfangsempfindlichkeit und Codierung müssen zusammenpassen. Eine mechanisch passende Verbindung ist daher nicht automatisch elektrisch, optisch oder protokollseitig kompatibel.
| Medium | Signal | Typische Eigenschaften |
|---|---|---|
| Kupferleitung | Elektrische Spannungs- und Stromänderungen, häufig differentiell übertragen. | Preiswert und einfach zu installieren; Dämpfung, Übersprechen und elektromagnetische Störungen beachten. |
| Glasfaser | Optische Leistung in definierten Wellenlängenbereichen. | Hohe Datenraten und Reichweiten; unempfindlich gegen elektromagnetische Störungen, aber empfindlich gegenüber Verschmutzung und unzulässiger Biegung. |
| Funk | Elektromagnetische Wellen in zugewiesenen Frequenzbereichen. | Mobil und ohne Kabel; gemeinsames Medium, Interferenzen, Dämpfung und regulatorische Vorgaben beachten. |
Leitungscodierung, Modulation und Demodulation
Leitungscodierung ordnet Bits oder Bitgruppen direkt Signalzuständen und Übergängen auf einem Übertragungsweg zu. Modulation verändert Eigenschaften eines Trägers. Am Empfänger wird der Vorgang rückgängig gemacht; bei Modulation spricht man von Demodulation.
Ein Modem ist ein Gerät oder Funktionsblock für Modulation und Demodulation, aber nicht für jede physische Netzwerkverbindung erforderlich. Ethernet-PHYs und optische Transceiver übernehmen ebenfalls komplexe Signalverarbeitung, werden jedoch nicht pauschal als klassische Modems bezeichnet.
| Verfahren | Veränderte beziehungsweise ausgewertete Größe | Wichtige Einordnung |
|---|---|---|
| Amplitudenmodulation / ASK | Amplitude | Mehrere unterscheidbare Amplituden können Symbole darstellen. Zwei Pegel sind nur der einfachste Fall. |
| Frequenzmodulation / FSK | Frequenz | Unterschiedliche Frequenzzustände repräsentieren Symbole. |
| Phasenmodulation / PSK | Phasenlage | Die Anzahl möglicher Phasen bestimmt die Bits pro Symbol; ein Phasenversatz überträgt nicht grundsätzlich zwei Bit. |
| QAM | Amplitude und Phase | Kombiniert mehrere Zustände und ermöglicht abhängig von der Konstellation mehrere Bits pro Symbol. |
| PAM | Mehrere Amplitudenstufen ohne klassischen sinusförmigen Träger | Wird beispielsweise in modernen Ethernet-PHYs eingesetzt; PAM4 codiert zwei Bit pro Symbol. |
Bitrate, Symbolrate und Synchronisation
Ein Symbol ist ein unterscheidbarer Signalzustand oder Signalabschnitt. Ein Symbol kann ein Bit, mehrere Bits oder durch zusätzliche Codierung auch nur einen Teil der Nutzinformation repräsentieren. Deshalb sind Symbolrate und Bitrate nicht automatisch identisch.
Sender und Empfänger benötigen eine zeitliche Vereinbarung. Der Takt kann über eine separate Leitung bereitgestellt, aus den Signalübergängen zurückgewonnen oder durch definierte Präambeln und Trainingsfolgen stabilisiert werden. Lange Folgen ohne geeignete Übergänge erschweren die Taktrückgewinnung; Leitungscodes und Scrambler wirken dem entgegen.
| Größe | Bedeutung | Einheit |
|---|---|---|
| Bitrate | Anzahl übertragener Bits pro Zeit. | bit/s |
| Symbolrate | Anzahl übertragener Symbole pro Zeit. | Baud = Symbole/s |
| Bits pro Symbol | Informationsmenge, die ein Symbol unter idealisierter Betrachtung repräsentiert. | bit/Symbol |
| Takt / Synchronisation | Zeitliche Zuordnung, wann ein Symbol ausgewertet wird. | Hz beziehungsweise abgeleitete Zeitpunkte |
Serielle, parallele und mehrspurige Übertragung
Seriell bedeutet, dass Bits zeitlich nacheinander über eine Leitung beziehungsweise Lane übertragen werden. Parallel bedeutet, dass mehrere Bits gleichzeitig über mehrere Leitungen laufen. Moderne schnelle Systeme verwenden häufig mehrere serielle Lanes parallel. Damit ist die Schnittstelle insgesamt mehrspurig, während jede einzelne Lane seriell arbeitet.
Parallele Übertragung ist auf kurzen, genau abgestimmten Wegen weiterhin sinnvoll, etwa zwischen Speichercontroller und RAM. Über größere Entfernungen sind serielle differenzielle Lanes meist besser beherrschbar, weil Laufzeitunterschiede und Übersprechen zwischen vielen parallelen Leitungen schwieriger werden.
Multiplexing: ein Übertragungsweg, mehrere Kanäle
Multiplexing fasst mehrere Übertragungen so zusammen, dass sie einen gemeinsamen physikalischen Weg nutzen können. Ein Multiplexer kombiniert die Kanäle; ein Demultiplexer trennt sie am Ziel wieder. Die Kanäle sind dabei nicht zwingend einzelnen Benutzern fest zugeordnet - sie können ebenso Dienste, Datenströme oder technische Verbindungen repräsentieren.
| Verfahren | Aufteilung | Typische Anwendung |
|---|---|---|
| FDM - Frequency Division Multiplexing | Das verfügbare Frequenzspektrum wird in getrennte Frequenzbereiche aufgeteilt. | Rundfunk, Kabelnetze und Funkkommunikation |
| TDM - Time Division Multiplexing | Kanäle erhalten wiederkehrende Zeitabschnitte oder Zeitschlitze. | Digitale Telefonie und synchrone Übertragungssysteme |
| WDM - Wavelength Division Multiplexing | Mehrere optische Träger mit unterschiedlichen Wellenlängen laufen gleichzeitig über eine Faser. | Glasfaserstrecken in Campus-, Provider- und Rechenzentrumsnetzen |
CWDM und DWDM
WDM ist das optische Gegenstück zur Frequenzaufteilung. CWDM verwendet vergleichsweise große Abstände zwischen den vorgesehenen Wellenlängen und eignet sich für kostengünstigere Mehrkanalverbindungen. DWDM arbeitet mit dichter liegenden Frequenzkanälen und ermöglicht deutlich mehr beziehungsweise flexibler aufgeteilte Kanäle.
Die ITU-T definiert dafür Spektralraster. G.694.2 beschreibt das CWDM-Wellenlängenraster; G.694.1 das feste und flexible DWDM-Frequenzraster. Welche Reichweite und Datenrate möglich sind, hängt zusätzlich von Faser, Transceivern, Verstärkung, Dispersion, Leistungsbudget und Kanalplanung ab.
Störeinflüsse und Grenzen der Übertragung
Auf jedem realen Übertragungsweg wird ein Signal verändert. Dämpfung reduziert die Signalleistung, Rauschen und Übersprechen überlagern das Nutzsignal, Reflexionen entstehen durch Fehlanpassungen und Dispersion verbreitert optische Impulse. Funk kommt zusätzlich mit Mehrwegeausbreitung, Abschattung und konkurrierenden Sendern zurecht.
Die Physical Layer stellt hierfür geeignete Codierung, Entzerrung, Fehlerkorrektur nahe der PHY, Trainingsfolgen und Messwerte bereit. Trotzdem sind Grenzwerte einzuhalten. Wenn Link, Geschwindigkeit oder Fehlerrate auffällig sind, beginnt die Fehlersuche bei Medium, Steckern, Transceivern, Reichweite, Signalqualität und ausgehandeltem Betriebsmodus.
- Dämpfung und unzureichendes Leistungsbudget
- Rauschen, elektromagnetische Störungen und Übersprechen
- Reflexionen durch beschädigte oder nicht passende Komponenten
- Dispersion und Biegeverluste bei Glasfaser
- Interferenzen, Abschattung und Mehrwegeausbreitung bei Funk
- Unterschiedliche Standards, Wellenlängen, Pinbelegungen oder Datenraten
Typische Komponenten der Schicht 1
| Komponente | Aufgabe |
|---|---|
| PHY / Transceiver | Erzeugt und empfängt die standardkonformen Signale für ein bestimmtes Medium. |
| Repeater | Regeneriert oder wiederholt ein physisches Signal für einen weiteren Abschnitt. |
| Hub | Historischer Mehrport-Repeater, der Signale an andere Ports weitergibt; heute weitgehend durch Switches ersetzt. |
| Medienkonverter | Übersetzt zwischen zwei physischen Medien, beispielsweise Kupfer und Glasfaser. |
| Modem | Moduliert und demoduliert Signale für ein konkretes Zugangs- oder Übertragungsverfahren. |
| Multiplexer / Demultiplexer | Fasst mehrere physische Kanäle zusammen beziehungsweise trennt sie wieder. |
Quellen zur fachlichen Prüfung
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